Edward Zwicks Film „Blood Diamond” (2006) erzählt die Geschichte der Wiedervereinigung eines Vaters mit seinem Sohn.
Die Geschichte ist schrecklich: Der Film beginnt mit Rebellen in Sierra Leone, die im Jahr 1999 Dörfer terrorisieren, die Bewohner einschüchtern und einige versklaven, um sie in Diamantminen arbeiten zu lassen. Einer von ihnen ist ein junger Fischer, Solomon Vandy.
Solomon kann aus dem Bergarbeiterlager entkommen. Leider erfährt er aber, dass sein Sohn Dia von den Rebellen gefangen genommen wurde und nun als Kindersoldat kämpfen muss. Solomon ist am Boden zerstört. Er war sein ganzes Leben lang ein guter Vater, hat liebevoll für seine Familie gesorgt, seinem Sohn Fußballspielen beigebracht und am Leben des afrikanischen Mende-Stammes teilgenommen. Er liebt seinen Sohn über alles und kann sich vorstellen, wie sehr sein Sohn Dia leiden muss.
Das Leben als Kindersoldat ist entsetzlich. Verzweifelt durch ihre Armut, traumatisiert durch den Krieg, und gierig nach Diamanten, flüchten sich viele Kindersoldaten in Drogen, Alkohol und sexuelle Ausschweifungen, um ihren Schmerz zu betäuben. Bei Dia ist es nicht anders. Er braucht einen Ausweg aus seinem Elend und jedes Vergnügen ist eine willkommene Abwechslung. Dias Leben wechselt ständig zwischen freudloser Arbeit und vorübergehendem Vergnügen. Es ist ganz anders, als er es als kleiner Junge zu Hause bei seinem Vater erlebt hatte. Zuerst hofft Dia noch, dass sein Vater bald kommen würde. Aber als die Tage zu Wochen werden, nimmt Dias Gleichgültigkeit immer mehr zu und er hört auf, auf seinen Vater zu vertrauen. Zuletzt verfällt Dia in tiefe Depressionen und beginnt, seinem Vater Vorwürfe zu machen, weil er ihn nicht aus seinem Elend gerettet hat.
Eines Tages ändert sich alles. Gewehrschüsse durchbrechen die Ruhe des Morgens im Rebellenlager. Eine gegnerische Truppe greift an, darunter auch Dias Vater Solomon. Endlich sind Vater und Sohn wieder vereint. Aber gerade als alle Probleme gelöst scheinen, kommt es zu einer neue Krise.
Solomon rennt zu Dia und will ihn umarmen, aber zu Solomons Überraschung weigert sich Dia, ihn als seinen Vater anzuerkennen. Nach der Gehirnwäsche durch die Rebellen denkt er sich: „Ich kann mich kaum noch an das Leben bei meiner Familie erinnern und ich habe so viele schlechte Dinge getan. Wie kann ich je wieder zurück?“.
Solomon kommt näher, aber Dia gibt nicht nach. Er hat Angst, dass er seine Vergnügungen, sein Geld und seine Macht verliert. Er nimmt ein Gewehr und zielt damit auf seinen Vater.
Aber Solomon hat keine Angst. Stattdessen schaut er ihn an und sagt: „Dia! Was tust du? Dia, schau mich an!“.
Dia löst den festen Griff am Gewehr ein klein wenig und wendet seinen Blick an der Waffe vorbei seinem Vater zu. Er spürt einen Knoten in seinem Hals, als sein Vater mit seinen dunklen Augen direkt in seine Seele zu blicken scheint. Die gleichen Augen haben Dia als Baby angesehen. Die gleichen Augen haben Dia beim Fußballspielen zugesehen. In den gleichen Augen hat beim gemeinsamen Familienessen das Lachen geglänzt. Das sind die Augen von Dias Vater, einem liebenden Vater, einem Vater, der sich danach sehnt, dass Dia wieder zur Besinnung kommt. Dia laufen die Tränen übers Gesicht, aber er kann nicht aufhören und hält weiter seinen Finger auf den Abzug.
Dias Vater bleibt standhaft. Er geht mit Tränen in den Augen auf Dia zu und erinnert Dia daran, wer er ist, wo er zuhause ist, wo er herkommt:
„Du bist Dia Vandy aus dem stolzen Stamm der Mende. Du bist ein guter Junge, der gerne Fußball spielt und zur Schule geht.“
Dias Hände beginnen zu schwitzen, seine Brust zittert und Tränen strömen an seinen Wangen herab.
Sein Vater spricht weiter: „Dia, ich weiß, dass sie dich gezwungen haben, schlechte Sachen zu machen. Aber du bist kein schlechter Junge. Ich bin dein Vater, der dich liebt, und du kommst wieder mit mir nach Hause und du wirst wieder mein Sohn sein.“
An dieser Stelle gibt Dia nach. Er senkt sein Gewehr und erlaubt es sich tief in seinem Herzen selbst zu seiner alten Identität zurückzukehren. Er erlaubt es sich selbst, seinem Vater wieder zu vertrauen und sein Vater geht zu ihm und umarmt ihn.(1)
Diskussion 1: Warum war es für Dia schwierig die Liebe seines Vaters zu akzeptieren? Was hat es Dia möglich gemacht, wieder zu seinem Vater zurückkehren?
EIN NEUER BLICK AUF DEN VERLORENEN SOHN
Der Film „Blood Diamond“ hat bei mehreren Filmfestivals Preise gewonnen und Djimon Hounsou (Solomon Vandy) war für einen Oscar nominiert. Seine Darstellung eines guten Vaters hat Millionen von Zuschauern inspiriert. Ein Grund für den Erfolg des Filmes ist, dass er eine tiefe menschliche Sehnsucht anspricht: Die Sehnsucht nach Liebe, Akzeptanz, Heilung und echter Vaterschaft. Aber mehr als alles andere, und besonders in dieser Szene, ist das Thema des Films Identität. Der Film erzählt von einem Sohn, der sich an seine Identität und die Identität seines Vaters erinnert. Am Wendepunkt, als Dia sein Gewehr senkt, ist es fast so, als ob er sich denkt: „Ach ja, ich erinnere mich an dich, meinen Vater, den Mann, den ich vor dem Krieg kannte und ich erinnere mich an mich selbst, deinen Sohn.“
Die Suche des Menschen nach seiner Identität gehört zum Kern menschlicher Erfahrung. Solomon erinnert Dia an seine Identität als Sohn und als Stammesmitglied: Viele von uns haben in dieser Welt heute keinen, der uns sagen kann, wer wir sind. Wir laufen mit Fragen durch das Leben, aber bekommen keine Antworten. Wir wissen nicht, wer wir sind und wir wissen nicht, wer Gott ist. Aber wir wollen es wissen und es sind diese zwei Fragen, die letztendlich alle religiösen Fragen hervorbringen: Gott, wer bist du? Und wer bin ich?
Es gibt eine Anzahl von widersprüchlichen Antworten auf diese Fragen. Eine Antwort ist der Atheismus: Es gibt keinen Gott und du hast letztendlich keine richtige Identität, außer vielleicht die Identität eines zufälligen Zellhaufens in einem bedeutungslosen Universum. Eine andere Antwort ist der Deismus. Es gibt einen Gott, aber er hat nichts mit deinem täglichen Leben zu tun. Eine weitere Antwort ist, dass Gott ein allmächtiger Sklaventreiber oder ein unnahbarer Richter ist. Keine von diesen falschen Ansichten entspricht dem Gott des Christentums. Das christliche Bild von Gott ist anders als das aller anderen Religionen der Welt. Es beantwortet nicht nur die beiden Fragen – Wer ist Gott? und Wer bin ich? –, sondern es sagt uns auch etwas darüber, warum wir von Geschichten wie der von Solomon und Dia so fasziniert sind.
Wie kommt das? In der Bibel steht eine Geschichte, die der von Dia sehr ähnlich ist. Von den vielen Gleichnissen, die Jesus erzählt, ist das bekannteste das vom verlorenen Sohn. Warum trifft es die Leute so? Vielleicht kennst du das Gleichnis schon, aber bevor du es als etwas Altbekanntes abtust, frage dich folgendes: Warum hat gerade dieses Gleichnis das Herz und den Verstand von so vielen Menschen berührt? Betrachten wir es einmal genauer:
Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf. Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden. Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten. Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon. Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um. Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt. Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner! (Lukas 15,11-19)
Diskussion 2: Warum glaubst du, hat der Sohn seinen Vater verlassen und warum überlegt er zurückzukommen? Wie sieht sich der Sohn in diesem Moment selbst?
VERTRAUEN
Die Erfahrung des verlorenen Sohns ist sehr typisch für eigentlich fast jede Geschichte. Fassen wir zusammen, was bisher geschehen ist: der verlorene Sohn hat gegenüber seinem Vater gesündigt, schämt sich und fühlt sich der Liebe seines Vaters nicht würdig. Die Taten des verlorenen Sohnes haben ihn also dazu gebracht, an der Liebe seines Vaters zu zweifeln. Die Tendenz, an der Liebe des Vaters zu zweifeln, besonders der Liebe Gottes, ist eine typische menschliche Erfahrung.
Der verlorene Sohn sieht seinen Vater mehr als einen Herrn und sich selbst als einen Sklaven. Er glaubt nicht, dass er noch eine Beziehung zu seinem Vater haben kann. Er hat völlig versagt, und er weiß es. Seine Entscheidungen haben Folgen: Er fängt an, wieder an seinen Vater zu denken, aber er nimmt an, dass die Dinge nie wieder so sein können wie früher. Er hat es selbst vermasselt und muss deshalb ein Sklave werden, ein Rädchen im unversöhnlichen Universum seines Vaters. Er sieht seine Identität in seinen Taten: „Ich bin nicht gut genug. Ich bin wertlos und ich habe keine echte Liebe verdient.“
Die Geschichte vom verlorenen Sohn findet so universellen Anklang, weil sie auf einen universellen Kreislauf hinweist: Versuchung, dann Sünde, dann Scham, dann Isolation. Paradoxerweise denken Menschen oft, bevor der Kreislauf beginnt, dass die Sünde keine große Sache ist. Aber nachdem der Kreislauf zu Ende ist, denken sie, dass die Sünde zu groß ist und es daher keinen Weg zurück zu Gott gibt.
Diskussion 3: Kannst du die Geschichte vom verlorenen Sohn nachvollziehen? Hast du jemals das Vertrauen in Gott verloren oder gedacht, dass du nicht mehr zu Gott zurückkehren kannst? Oder hast du das im Leben eines anderen Menschen erfahren?
Die meisten von uns können sich also gut in die Geschichte vom verlorenen Sohn hineinversetzen. Nun wollen wir uns anschauen, wie die Geschichte endet:
Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein. Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern. (Lk 15,20-24)
Im Gegensatz zu den Erwartungen des verlorenen Sohnes weigert sich der Vater, ihn als Sklaven zu behandeln. Im Gegenteil, der Vater feiert seine Rückkehr. Sein Vater hat ihn schon von Weitem gesehen und die Rückkehr seines Sohnes sehnlichst erwartet. Die Tatsache, dass sein Sohn nach Hause zurückkehrt, reicht dem Vater, und er läuft ihm entgegen. Der Sohn beginnt seine Taten zu erklären, aber für den Vater ist einfach nur die Rückkehr des Sohnes Grund genug für ein Fest! Das Gewand und der Ring zeigen, dass er wieder vollkommen als Sohn angenommen ist. Der Sohn fühlt sich bei der Rückkehr als Sklave, aber der Vater besteht darauf, dass er als sein Sohn leben soll.
Jetzt fragst du dich vielleicht, was das alles mit unseren zwei Ausgangsfragen zu tun hat: Gott, wer bist du? Und wer bin ich? Die Geschichte vom verlorenen Sohn gibt uns die Antwort des Christentums. Wer ist Gott? Er ist ein liebender Vater.(2) Wer bist du? Du bist sein Kind. Die Bibel sagt klar, dass der Herr des Universums, der unendliche Gott und das einzige Wesen, das unsere Wünsche befriedigen kann, ein guter Vater ist. Das Christentum ist mit dieser radikalen Behauptung allein unter den Religionen: Gott ist ein guter Vater. Er ist kein Sklaventreiber. Er will dich nicht erwischen. Nichts, was du getan hast, kann dich je von seiner Liebe trennen. Deine Identität hängt nicht davon ab, was du irgendwann einmal getan hast. Nein, Gott sehnt sich nach dir. Genau wie Solomon und der Vater vom verlorenen Sohn sehnt er sich nach dir und du hast in seinen Augen einen unendlich großen Wert.
Letztendlich gibt der christliche Glaube eine ganz eindeutige Antwort auf die Frage, wer du bist: Gott ist der Vater und deine Identität liegt darin, dass du Gottes Sohn oder Tochter bist! Das ist es, wer du bist!
Ist es schwer, das zu glauben? Vielleicht lassen dich, ganz wie bei Dia, die Kriege deines eigenen Lebens mit einem Gewehr auf Gott zielen? Oder vielleicht denkst du, wie der verlorene Sohn, dass etwas, das du gemacht hast, verhindert, dass du zu Gott zurückkehren kannst? Aber die Wahrheit ist ganz anders. Lasse dich – wie Dia – von Gott daran erinnern, wer du wirklich bist. Mach – wie der verlorene Sohn – den ersten Schritt nach Hause. Kehre um, lass das Gewehr fallen und gib Gott die Möglichkeit, dir seine Liebe zu zeigen. Erlaube dir selbst wieder – oder vielleicht zum ersten Mal – eine Beziehung mit ihm zu beginnen.
Diskussion 4: Was glaubst du, wie Gott dich in diesem Moment sieht? Was denkst du, wenn du darüber nachdenkst, näher zu Gott, oder zu Gott zurückzukommen? Kannst du glauben, dass Gott dein liebender Vater ist?
Notizen
(1) Blood Diamond, Edward Zwick (2006; California: Warner Bros, 2007), DVD.
(2) Katechismus der Katholischen Kirche, abgerufen am 26. August 2021, Vatican.va, 238- 240: „Wenn die Sprache des Glaubens Gott ,Vater’ nennt, so weist sie vor allem auf zwei Aspekte hin: daß Gott Ursprung von allem und erhabene Autorität und zugleich Güte und liebende Besorgtheit um alle seine Kinder ist (239)
