Jüngerschaft, die verwandelt. Eine Einführung für den Begleiter

Inden ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs hatten die Nazis viele Länder Europas besetzt. Und sie standen der Religion alles andere als neutral gegenüber.

Die Nazis wollten die Katholische Kirche zerstören. Sie schickten tausende Priester und andere überzeugte Katholiken ins Konzentrationslager, lösten katholische Vereine auf, brachten religiöse Leiter zum Schweigen, drängten die Kirche ins Private ab und verboten den Religionsunterricht. Das Hauptziel dieser Maßnahmen war vor allem, die christliche Erziehung zu unterbinden und damit die Weitergabe des Glaubens an die kommende Generation zu verhindern. Stattdessen wurden in den Schulen und durch die Medien die nationalsozialistische Ideologie und ihre Ideale in die wehrlosen und formbaren Herzen der Kinder und Jugendlichen gesät.

In dieser Krisenzeit gab es heroische Laien, die versuchten, im Untergrund junge Menschen zu sammeln und sie im Glauben zu bilden. Eine der erfolgreichsten dieser Initiativen wurde von dem Polen Jan Tyranowski geleitet. Er gründete sogenannte „Gruppen des lebendigen Rosenkranzes“ für junge Männer.

Jan war ein Schneider im besetzten Polen. Er war kein Priester und hatte auch nie Theologie studiert. Unter Lebensgefahr stellte er seine Wohnung zur Verfügung, um junge Männer in das geistliche Leben einzuführen. Er bildete sie dazu aus, selbst „Gruppen des lebendigen Rosenkranzes“ zu leiten, zu denen sie ihre Kollegen von der Universität oder ihrem Arbeitsplatz einladen sollten. Er verfolgte eine klare Absicht: Er wollte die Grundlagen des Glaubens in den jungen Männern stärken und ihnen helfen, die nächsten Schritte in ihrer Beziehung zu Christus zu setzen. Er lehrte sie, an ihren Schwächen und Sünden zu arbeiten, im Gebet zu wachsen und Gottes Wille zu erkennen. Er erschloss ihnen die Schönheit des Rosenkranzgebetes und die Weisheit der Heiligen. Nicht zuletzt bildete er sie für die Mission aus und sandte sie dazu aus, ihren Kollegen das Evangelium näher zu bringen.

Ohne die Jüngerschaftsschulung, die ihm Jan Tyranowski gab, wäre Karol Wojytyła wohl ein unbekannter Pole geblieben.

Man sieht, welchen Einfluss ein einzelner, ganz gewöhnlicher Christ auf das Leben anderer haben kann, wenn er sein Leben dafür gibt, andere zu Jüngern und Missionaren Christi zu formen. Kaum zu glauben, aber der selige Jan Tyranowski war wohl eine der einflussreichsten Personen des 20. Jahrhunderts! Er häufte nicht Reichtum, Ruhm oder Macht an. Er vollbrachte auch keine außergewöhnlichen Taten, die ihn in die Schlagzeilen gebracht hätten, und er hat auch keinen Nobelpreis erhalten. Nein, vielmehr investierte er sein Leben in einige wenige junge Männer, die er zu einer lebendigen Begegnung mit Christus führte und die er dazu anleitete, dasselbe für andere zu tun. Diese jungen Männer verwirklichten dies und trugen maßgeblich dazu bei, dass dem Land Polen seine katholische Identität erhalten blieb. Ohne die Jüngerschaftsschulung, die ihm Jan Tyranowski gab, wäre Karol Wojtyła wohl ein unbekannter Pole geblieben.

Diskussion 1: Was inspiriert dich an der Person von Jan Tyranowski? Warum konnte er andere so wirkungsvoll leiten?

DEINE MISSION VERÄNDERT DIE WELT

Wir leben nicht mehr in einem totalitären System, aber wir sind mit einer Kultur konfrontiert, die dem Christentum immer feindseliger gegenübersteht. Überall sehen wir uns einem rein diesseitigen Weltbild ausgesetzt: im TV, beim Musikhören, beim Studieren, bei der Arbeit, bei unseren Freunden. Aber wer sind wir? Warum sind wir hier? Was ist Liebe? Was ist Ehe? Wie wird man wirklich glücklich? Gibt es richtig und falsch? Gibt es einen Gott?

Viele junge Menschen auf der Uni haben die frohe Botschaft nie gehört und schon gar nicht die Möglichkeit gehabt, als christlicher Jünger geformt zu werden. Paare, die eine christliche Ehe führen wollen, werden von der Gesellschaft allein gelassen. Eltern kämpfen damit, in dieser herausfordernden Zeit, ihre Kinder gut zu erziehen und Gemeindeleiter erkennen, dass die herkömmlichen Methoden der Glaubensweitergabe nicht mehr funktionieren.

Wie in den 40er Jahren in Polen braucht die Kirche auch heute Menschen wie Jan Tyranowski, die sich gegen die kulturellen Widerstände stellen, junge Menschen in der Jüngerschaft bilden, und sie dazu befähigen, andere für das Evangelium zu begeistern.

Deshalb ist deine Mission, andere auf dem Weg der Jüngerschaft zu führen, so wichtig und mit einer großen Verantwortung verbunden. Es ist wichtig, was du tust und wie du es tust: wie viel Gebet und gute Planung du hineinsteckst, wie gut du diese jungen Leute im Glauben bildest, wie gut du sie für ihre Mission vorbereitest. Wenn du zielgerichtet die große Vision vor Augen hast und mit viel Liebe und Aufmerksamkeit vorgehst, dann kannst du – so wie Jan Tyranowski – die Welt verändern. Dafür muss dein Weg der Jüngerschaft eine klare Zielsetzung haben, wie wir am Beispiel von Jan Tyranowski gesehen haben.

Was zeichnete seine Vorgehensweise aus? Jan Tyranowski hat nicht einfach so zufälligerweise viel Zeit mit jungen Menschen verbracht, um sie kennenzulernen. Freilich war er sehr gut mit ihnen befreundet, aber er tat dies mit einer klaren Absicht: Er wollte sie dazu befähigen, selbst missionarische Jünger zu werden. Er traf sich nicht nur mit ihnen und tat, was ihm gerade in den Sinn kam. Er hat nicht einfach ein weiteres Glaubensprogramm gestartet. Er hat viel mehr mit ihnen getan, als mit ihnen zu beten, ihnen bei ihren Problemen zu helfen und sie wie verantwortungsvolle Menschen zu behandeln. Er tat all dies, aber er tat noch mehr: er schulte sie bewusst in ihrem Glauben und rüstete sie aus, um auch andere für Christus zu gewinnen.

Die vorliegenden Artikel sollen dir helfen, genau in diese Ausbildung zu gehen und sie weiterzugeben. Sie sollen ein Werkzeug sein, das dir hilft, andere in missionarischer Jüngerschaft zu formen. Sie sollen dir helfen, deine Zeit gut und effizient zu nützen und können deinen Gesprächen Struktur und Orientierung geben, ohne dass sie dadurch zu formell werden. Sie gleichen einer Landkarte, mit deren Hilfe du andere dazu führen kannst, die Prinzipien „Gewinnen – Aufbauen – Senden“ zu verstehen und umzusetzen. Indem du diese Artikel effektiv einsetzt, kannst du andere genau wie der selige Jan Tyranowski in eine dynamische und lebensverändernde Jüngerschaft führen.

Wir müssen uns aber vor Augen halten, dass es am Ende Jesus ist, der durch seine Kirche Jünger ruft und formt. Jeder, mit dem wir den Weg der Jüngerschaft gehen, ist letztlich nicht unser eigener Jünger, sondern ein Jünger Jesu. Es ist egal, ob wir wie Jan Tyranowski im Leben ein paar Schritte weiter sind, oder ob wir in einer Gruppe alle gemeinsam als christliche Jünger wachsen wollen. Wir gehen den Weg als Jünger Jesu gemeinsam und können uns gegenseitig dabei ermutigen, in der Nachfolge Christi voranzukommen. Wir hoffen, dir mit diesen Artikeln das nötige Rüstzeug zu geben, um andere effektiv auf diesem Weg zu leiten.

Diskussion 2: Wie unterscheidet sich deine eigene Erfahrung mit Jüngerschaft von der zielgerichteten Jüngerschaft, die Jan Tyranowski praktizierte? Welche Aspekte sprechen dich besonders an? In wie weit können diese Ressourcen dir helfen, mehr zu geben, als du allein geben könntest?

JÜNGERSCHAFT ALS KATHOLIKEN

Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass diese Beiträge nicht einfach das Produkt der Gedanken einer Person oder der „FOCUS-Weg“ zum Thema Jüngerschaft sind. Die folgenden Artikel sind vielmehr der Versuch einer Wiedergabe dessen, wie FOCUS die katholische Vision von Evangelisation und Jüngerschaft lebt und erklärt. FOCUS versucht schlicht und einfach dem zu folgen, was die Kirche über die Verkündigung des Evangeliums und die Ausbildung von missionarischen Jüngern sagt. Diese Beiträge sollen dich dazu bereit machen, dies gut und in Einklang mit der Tradition der Katholischen Kirche zu tun.

Diese Beiträge können deinen Weg der Jüngerschaft auf vier Arten bereichern:

  1. Gesprächsführung: Deine Jüngerschaft wird authentischer werden und leichter zu Gesprächen führen, so dass du – einzeln oder in kleinen Gruppen – einfacher ungezwungene Gespräche zu wichtigen Themen führen kannst.
  2. Wiederholbarkeit: Ein schriftliches Konzept wird nicht nur dir selbst helfen, andere zu guten Jüngern Jesu zu formen, sondern wird auch anderen helfen, wiederum missionarische Jünger zu sein und andere zu formen.
  3. Tiefgang: Die vorgegebenen Themen können zu einer größeren Tiefe in der Bildung als missionarische Jünger führen.
  4. Flexibilität: Die Unterlagen helfen dir deine Gespräche flexibel und dynamisch zu gestalten.

VIER SCHRITTE ZUM RICHTIGEN GEBRAUCH DER JÜNGERSCHAFTSARTIKEL

Diese Artikel sollen dir helfen andere zu begleiten. Dafür findest du hier einige wichtige Schritte.

  1. Vorbereitung: Lies die Beiträge und nimm sie mit ins Gebet! Nimm die Artikel mit ins Gebet, damit du mit anderen aus deinen eigenen Erfahrungen und Begegnungen mit Christus heraus sprechen kannst. Bete und bitte auch um die Einsicht, im Gespräch die richtigen Worte zu haben, welche den anderen in der Nachfolge Christi helfen, sie inspirieren und stärken. Bitte auch darum zu erkennen, wo Menschen auf ihrem Glaubensweg stehen, was sie brauchen, und welche Stellen du besonders besprechen solltest, um sie zu ermutigen, zu inspirieren, oder ihnen beim Fortschritt zu helfen.
  2. Verinnerlichung der wichtigsten Geschichten und Konzepte Jeder Beitrag enthält „Schlüsselkonzepte“. Das sind wichtige Grundaussagen, auf die du im Gespräch mit anderen besonders eingehen solltest, um sicher zu gehen, dass dein Gegenüber sie versteht. Es sind wesentliche Punkte, die für alle, auch später für die Jünger deiner Jünger, wesentlich sind. Passe ruhig den Rest des Beitrags nach eigenem Ermessen an, aber achte darauf, dass du die Kernbotschaft weitergibst.
  3. Auf der persönlichen Ebene bleiben – nutze den Beitrag für authentische Gespräche Hafte dich nicht zu sehr an den Text eines Artikels, sondern erzähle von deinen eigenen Erfahrungen und Geschichten und von Beispielen von Heiligen. Füge ruhig Fragen oder Ideen hinzu, die nicht im Text vorkommen, oder folge dem natürlichen Lauf des Gespräches, selbst wenn du dich dadurch völlig vom Artikel entfernst. Geh’ nicht einfach alle Diskussionsfragen durch, um sie abzuhaken, sondern nutze sie, zusammen mit allen anderen Fragen, die dir einfallen, um in ein gutes Gespräch zu kommen.
  4. Takeaways und nächste Schritte Am Ende des Gespräches ist es gut, darüber zu reden, was einen am meisten berührt hat und was man mitnehmen und auch leben möchte. Teile deine eigenen Einsichten und frage die anderen, was sie getroffen hat und wie sie es bewusst in ihr Leben einfließen lassen möchten. Denk daran, dass du sie auf dem Weg begleitest, missionarische Jünger zu werden. Gebrauche daher die Beiträge als Starthilfen auf dem Weg der Nachfolge. Diese Beiträge sind der Beginn, nicht das Ziel des Weges.

Diskussion 3: Wie können dir diese Texte helfen, effizienter in deiner Mission zu sein? Welche Vorbereitungen sind zum guten Gebrauch der Beiträge nötig?

KONKRETE SCHRITTE

Ein letzter Hinweis: Diese Texte sind nicht primär für dich als Begleiter bestimmt. Sie sind nicht dazu da, gelesen und reflektiert zu werden. Sie sollen dabei helfen, andere in ihrem Glaubensleben und ihrer Mission zu leiten.

Du bist mit der Idee vertraut? Dann steht nichts mehr im Weg diese Texte in deiner Mission zu verwenden. Gebrauche sie im Geist der Unterscheidung, um immer gerade das zu geben, was der andere wirklich braucht, und setze diese Texte bewusst für ihre Bildung ein.

Du bist neu auf dem Weg der Jüngerschaft? Dann nimm dir erst einmal Zeit, dich mit diesen Texten in Ruhe auseinanderzusetzen. Lies besonders den Artikel: „Eine Vision für missionarische Jüngerschaft: Gewinnen-Aufbauen-Senden“ auf S. 168 Hier findest du alle Informationen die du zum Weg der missionarischen Jüngerschaft brauchst.

Die nachfolgende Übersichtsgrafik stellt dar, welche Artikel zu welchem Zeitpunkt der Jüngerschaftsschulung am hilfreichsten sind. Nähere Informationen zu den Artikeln findest du jeweils im Abschnitt „Für den Leiter“ am Anfang jedes Hauptabschnitts. Überlege auch selbst, zu welchem Zeitpunkt ein Text für die spirituelle Entwicklung der anderen gut und hilfreich ist. Manchmal wird es nötig sein, einen späteren Artikel schon früher zu verwenden, oder umgekehrt. Die Hauptsache ist, dass du sie so nutzt, dass sie für die Bildung der anderen hilfreich sind.

Nimm dir kurz Zeit, um dir zu überlegen, welche ersten Schritte du setzen kannst, um diese Artikel effektiv mit anderen zu teilen.